Ökumenischer Bibelgesprächskreis im Parkwohnstift

Was passiert im ökumenischen Bibelgesprächskreis ?

Seit 10 Jahren gibt es monatlich einen Aushang, der einen „ökumenischen Bibelgesprächskreis" ankündigt. Das mag manchem Bewohner befremdlich vorkommen. Geht da überhaupt jemand hin? Worüber redet man dort?

Wir sind 12 bis 15 Personen, manchmal auch nur 10, aber wenn das Thema einen „Nerv trifft", dann sind schon auch mal 20 Interessierte da."Ökumenisch" klingt anspruchsvoll. Wir verhandeln aber keine Glaubensstreitigkeiten zwischen Evangelisch und Katholisch.

Ökumenisch heißt - seiner Wortbedeutung „alle Welt" entsprechend - Jeder ist willkommen. Wir haben kein Kurssystem, sondern behandeln nach Absprache das, was für uns gerade aktuell ist.

Im Lauf dieses Jahres sprachen wir über das biblisch-historische Palästina zur Zeit Jesu, über die Gotteserfahrungen alttestamentlicher Ahnherren wie Jakob und Josef von Ägypten, über den Himmel anhand von Visionen und Nahtoderfahrung, über die Engel und auch darüber, wer was glaubt.

Wir alle sind beunruhigt durch den rasanten Wandel in Politik und Gesellschaft draußen in der Arbeits- und Völkerwelt, aber auch im eigentlich beständigen Parkwohnstift, wo vieles nicht mehr so ist, wie es vor 20,30 Jahren war.

In unseren Themen spiegeln sich die immer gleichbleibenden Erschütterungen, die von Geburt und Tod, Liebe und Hass, Krieg und Frieden, Niederlage und Sieg ausgehen. Dabei ist die Rolle, die dem Wirken Gottes darin zugeschrieben wird, ein ständiges Reizthema in unseren Gesprächen.

Die meisten religiösen Vorstellungen vom „lieben Gott" stammen aus dem Unterricht unserer Kindheit oder Konfirmanden- bzw. Firmungszeit und sind geprägt durch die Bilderwelt der Kinderbibeln, Gottbüchlein und frommen Gemälden, deren Weltbild aus dem Mittelalter bzw. aus der vorderorientalischen Antike stammt. Da sind „Updates" nötig, was heißt, dass wir uns das gründliche Wissen und Nachdenken zeitgemäßer, bibelwissenschaftlicher Theologie zunutze machen.

Längst ist diese in einen Dialog mit Physik und Astrophyysik eingetreten; längst haben alle theologisch ausgebildeten Vertreter ihrer Kirchen gelernt, die biblischen Glaubenswahrheiten und -Weisheiten sorgfältig von den rasch fortschreitenden naturwissenschaftlichen Forschungen und Erkenntnissen zu unterscheiden. Sie haben auch längst gelernt, die Irrtümer und Sünden unserer beiden Großkirchen und anderer Kirchen zu benennen und zu bedauern.

Der christliche Glaube lebt aus der biblischen Gewissheit, dass die gesamte irdische wie unversale Welt vom Geist Gottes geschaffen ist und von ihm Sinn und Ziel ihrer Existenz bekommen hat. Die Physik ist nicht sinnstiftend, der Glaube aber vertraut seit biblischen Zeiten darauf, dass es bis heute ein Zusammenspiel zwischen göttlicher Führung und irdischem Schicksal gibt, das sich oft erst aus der Rückschau erschließt. Der unbeteiligte nichtreligiöse Zuschauer nennt es Zufall, der Gläubige sagt: "Gott sei Dank !"

„Gott der Schöpfer", „Jesus der Sohn Gottes", gar der „Heilige Geist" und das „ewige Leben"— das sind für die meisten naturwissenschaftlich, marktorientiertenoder atheistisch geprägten Zeit genossen inhaltsleer gewordene Begriffe. Diese im Licht des heutigen Weltbilds zu erklären, die heute noch erfahrbare Wahrheit des „Wortes Gottes" in den alten Geschichten erkennbar zu
machen, ist Ziel des Bibelgesprächskreises.

Bei allen sog. Buchreligionen besitzen die Heiligen Schriften der Anfangszeit höchste Autorität. Für Christen ist die gesamte Bibel das Quellenbuch ihres Glaubens, unabhängig von den sich ändern den Weltbildern. Das ruft Meinungsäußerung hervor! Wir sind ein Gesprächskreis.

Alle sollen zu Wort kommen, jeder kann seine Meinung, Überzeugung, Erfahrung, Fragen, Zweifel und Protest äußern. Wichtig ist, dass man sich gegen seitig zuhört, Respekt vor anderer Überzeugung hat und einigermaßen beim Thema bleibt. Es ist erstaunlich, wie wir immer wieder zu einem Abschluss und Ergebnis kommen, zu dem keiner für sich alleine gefunden hätte.

Es ist bemerkenswert, dass die meisten Mitglieder diesem Kreis seit Jahren treu sind - drei Damen gehören ihm von den allerersten Anfängen an. Die Verfasserin dieser Zeilen würde das nicht als Erfolg bezeichnen, sondern als Segen.

Christine Wissing

(aus: PWS-Zeitung, 8. Jg., Nr. 4, 2017)