Kreative Gemeinde - Kinderchorarbeit in Bad Kissingen

 
 
In die Hände geklatscht, eingegroovt und singend Gott gepriesen: Die Bad Kissinger Gospelsänger legen los
Foto Daniel Peter
 
Zuerst die Kindergarten-Version

SERIE Kreative Gemeinde:
 
In Bad Kissingen findet eine außergewöhnliche Gospelarbeit statt

Mit Kindergartenkindern Spirituals auf Englisch singen? Mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen in einem modernen Gospelchor Konzertsäle und Kirchen füllen? Der evangelische Kirchenmusiker Jörg Wöltche aus Bad Kissingen macht das seit Jahren.

Jörg Wöltche holt tief Luft. Dann hebt er seine Hand, öffnet den Mund und singt laut los: "Komm zu mir, mein Gott!" Die Tonhöhe der Melodie zeigt er mit seiner waagrechten Handfläche an, die auf den imaginären Notenlinien nach oben und unten hüpft.
 
Die Kinder von drei bis sieben Jahren singen kraftvoll mit. Auch, als er plötzlich ins Englische wechselt: "Kumbaya, my Lord!« Der Kirchenmusikdirektor an der Erlöserkirche in Bad Kissingen ist wohl einer der profiliertesten GospelchorExperten im evangelischen Bayern - vor allem, wenn's um den Nachwuchs geht.

"Wir machen zuerst die Kindergarten-Version«, sagt Wöltche zu seinen Chor-Assistenlinnen. Nadja Liehr, Alexandra Jany, Valerie und Angela Stichler sitzen mit den »Gospel Sparrows«, also den Gospel-Spatzen, wie die Kleinsten im Bad Kissinger Gospelchor-Universum heißen.
 
Sie nicken und Wöltche greift beherzt in die Tasten des kleinen Klaviers vor ihm. »Gottes Liebe ist so wunderbar«, singen die Kinder aus vollem Hals, den Kinder- und Familiengottesdienst-Klassiker. Nach einer kurzen Strophe wechselt Wöltche wieder ins Englische und singt "Rock my Soul".

Gospelchöre gibt es mittlerweile viele, landauf, landab. Manche sind gut, andere ambitioniert oder bemüht. Aber immer geht es um dieses spezielle Gefühl, dass klassische Kirchen- und Kirchenchormusik bei vor allem jüngeren Leuten immer weniger weckt.
 
"Ich liebe Kantaten", sagt Musiker Wöltche, der in Bad Kissingen ein kirchliches Kammerorchester leitet: »"Aber viele Menschen sind heute anders musikalisch sozialisiert." Noch vor seiner Zeit in Unterfranken, in Schleswig-Hoistein, kam er mit Gospel erstmals in Beührung: "Seither lässt es mich nicht mehr los."

Die frei tägliche Chorstunde der Kleinsten dauert 45 Minuten. Das ist kurz - aber intensiv. Zwischendurch gibt es Bewegungslieder, es mrd geklatscht, gestikuliert. Und es wird auch schon einstudiert, wie man sich auf einer Bühne bewegt. "Spirituals und Gospel sind ganzheitliche Musik", sagt Wöltche.
 
Man bewegt sich, klatscht, choreogniphiert, man gebärdet. »Das ist ein großes, umfassendes Erlebnis für die Sänger und für das Publikum«,
findet der Kirchenmusiker. Gospels, ist er sich sicher, brächten Leute in die Kirche, die sonst nicht oder nur selten kämen.

Es kurz vor 16 Uhr, die zweite Chor-Gruppe - die "GospeIKids" von acht bis 16 Jahren sammelt sich im Gemeindesaal. Die ältesten der Spatzen singen in einer Wechselphase auch hier mit. Nun können alle lesen, es werden auch Noten ausgeteilt und auf Zuruf Stücke geprobt.
 
Mit dieser Altersklasse läuft die Arbeit intensiver ab, Wöltche lässt die Kinder und Jugendlichen gezielt Passagen singen, um die Intonation zu verbessern. Als die Jungs und Mädchen das »Irische Segenslied« gesungen haben, ist er fast ein bissehen baff: "Da kommt so viel Stimme. Wirklich toll."

Neben all der musikalischen Bildung ist es aber immer auch noch ein kirchliches Angebot. Als Wöltche mit seinen "GospeIKids" den Spiritual "Joshua fit the battle of Jericho" anstimmt, geht er auch auf den Inhalt der biblischen Geschichte ein. "Man muss verstehen, was man singt", erläutert er. Und man muss es auf der Bühne "leben".
 
Die achtjährige Dorothea kommt seit etwa drei Jahren zu den Proben: "Ich mache hier gerne mit, weil Singen meine Leidenschaft ist." Für sie ist die manchmal auch harte Probenarbeit "kein Problem" - schließlich winkt am Ende der Lohn des Künstlers: der Applaus des Publikums. "Ich hab auch schon im Regentenbau gesungen«, sagt sie stolz. Auch die neunjährige Mona ist seit mehreren Jahren dabei: "Es ist toll, dass man beim Singen hier Gefühle zeigen kann." Eines ihrer Lieblingslieder sei "Rock my Soul", weil es ein "wildes Lied" über Gott ist, erklärt sie.

Diese Begeisterung der Sänger hält sich über Jahrzehnte. Es gibt eine ganze Handvoll junger Erwachsener, die als Kleinkinder zu Wöltche in den Chor kamen und bis heute dabei sind. Etwa der 22-jährige Markus Wondra. 2001 wurde er von seinen Eltern in den Chor geschickt, auch weil seine Mutter bei Wöltches großem Gospelchor, den »KisSingers«, mitmacht. Wondra ist geblieben. Der Gemeinschaft wegen, aber auch wegen des Singens. Toll sei, "dass wir nicht nur Gospels und Spirituals singen, sondern eben auch 'Contemporary', also auch Modernes." Wondra ist Teil von "PraiSing", dem Chor für 14- bis 27-Jährige in der Bad Kissinger Erlösergemeinde.

Das Ensemble tourt regelmäßig nicht nur durch das Dekanat Schweinfurt, in dem Wöltche auch die Stelle des Dekanatskantors innehat, sondern durch den deutschsprachigen Raum. Zuletzt waren sie Ende August im Allgäu unterwegs. Was der 56-jährige Chorleiter mit den Jugendlichen und jungen Erwachsenen macht, hat semiprofessionelles Niveau - der Sprung von den "GospeIKids" hin zu "PraiSing" ist enorm und selbst für einen musikalischen Laien hörbar.

Pfarrerin Christel Mebert ist seit 2011 erste Pfarrerin in der Gemeinde. Sie schätzt die Arbeit von Wöltche sehr: "Das sind ja nicht nur Chöre, die irgendwo auftreten, sie sind Teil unserer Gemeinde." Auch innerfamiliär hat die Begeisterung des Kirchenmusikdirektors gewirkt. Tochter Katharina singt seit Jahren schon mit, im Moment bei "PraiSing", wo sie regelmäßig auch als Solistin auftritt. "lch wurde nie gezwungen", sagt sie lachend. Trotz des Arbeitsstress' und anderer Verpflichtung sei es ihr wichtig, weiter dabei zu sein. "Es macht Spaß, es geht um Gott - aber nicht nur, - es ist tolle Musik", sagt sie. Und es sei eben professionell: "Ich kenne nur wenige Chöre, in denen jeder Sänger mit Mikrofon abgenommen wird. Das ist super."
 
 
Der Chornachwuchs wird extra geschult.
 

Warum machen Sie das?

"Ich träume als Kirchenmusiker eigentlich von einem Chor, der 'alles' singt und kein Genre 'verschmäht' - leider lässt sich das nicht verwirklichen, weil viele Menschen nur entweder Klassik oder Gospel mögen. Ich verstehe mich als Gemeinde-Aufbauer, der für alle Genres ein Angebot machen möchte. Darum mache ich das. Es begeistert mich, wie Menschen auf diese Vielfalt reagieren und wie viele unterschiedliche Menschen ich damit für die Kirche begeistern und erreichen kann." Jörg Wöltche kennt als Kirchenmusiker keine Grenzen.

DanieI Steffen-Quandt
 
Sonntagsblatt Nr. 44 / 2019 - Seite 20 u 22 pdf
 
Abdruck des Artikels in der Mainpost